„Die weitreichendste Reform in der Pflege“

Veröffentlicht am 18.11.2016 in Veranstaltungen

Großes Interesse an Podiumsdiskussion zur neuen Pflege von MdB Gerster und AOK

Pflegebedürftigkeit ist ein Thema, das wir alle gern ausblenden, solange es uns nicht persönlich betrifft. Vor dem Hintergrund des zweiten Pflegegesetzes, dessen wichtigste Neuerungen ab 2017 umgesetzt werden, haben der Bundestagsabgeordnete Martin Gerster und die AOK Ulm-Biberach vorgestern in die Biberacher Volksbank geladen. 50 Zuhörer verfolgten gespannt die Podiumsdiskussion „Stadtgespräch: Welche Auswirkungen hat das neue Pflegegesetz?“ und nutzten die Gelegenheit, der Runde lokaler Experten ihre Fragen zu stellen.

Die weitreichendste Reform in der Pflege seit 1995“ nannte Gabi Huber, AOK-Geschäftsbereichs-leiterin Versorgungsmanagement, die bevorstehenden Veränderungen in der Pflege. Zu Beginn der Veranstaltung am Dienstagabend erläuterte sie die wichtigsten Änderungen für pflege-bedürftige Menschen, ihre Angehörigen und in der Pflege arbeitende Personen: Ab dem kommenden Jahr gibt es einen neuen Begriff der Pflegebedürftigkeit, der die Selbständigkeit pflegebedürftiger Menschen statt ihrer Defizite in den Mittelpunkt stellt. Drei Pflegestufen werden durch fünf Pflegegrade ersetzt. Dadurch erhalten alle pflegebedürftigen Menschen mehr Geld. Außerdem wird die Pflege zu Hause aufgewertet, insbesondere durch mehr Unterstützung für pflegende Angehörige.

Die Podiumsdiskussion eröffnete als Moderator des Abends der Biberacher Diakon Roland Fritzenschaft mit den Worten „In sechs Wochen geht’s los!“ und befragte die verschiedenen Akteure, inwieweit sie vorbereitet seien. Annette Köpfler, Leiterin der Altenhilfe St. Elisabeth-Stiftung in Biberach, meinte: „Die Pflegewelt wird neu erfunden, und das Ganze kommt sehr kurzfristig!“ Beispielsweise erhielte jeder Angehörige ein 15-seitiges Schreiben, das alles sei sehr aufwändig für Pflegeeinrichtungen. Dr. Sabine Schwenk, Geschäftsführerin der AOK Ulm-Biberach, sah sich gut aufgestellt: „Wir haben 20 Jahre Erfahrung in der Pflegeberatung. Seit Jahresbeginn schulen wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und haben zusätzlich neu eingestellt.“ Natalija Belinder, Leiterin Pflege beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen, sieht die Hauptarbeit erst im Januar kommen, wenn der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff greift. Der Bundestagsabgeordnete Martin Gerster betonte, es sei längst Zeit gewesen, etwas zu verändern, denn „ Die Pflege ist für mich Teil des ersten Artikels des Grundgesetzes, die Würde des Menschen!“

Auf die Frage, was gut am neuen Gesetz sei, antwortete Annette Köpfler, dass die Politik Pflege als wichtiges Feld erkannt habe. Gleichzeitig äußerte sie die Sorge, dass stationäre Pflege-einrichtungen mittelfristig finanziell benachteiligt sein könnten. Natalija Belinder lobte, dass man nun gezielt Leistungen an die individuelle Pflege anpassen könne und die Ganzheitlichkeit der pflegebedürftigen Person berücksichtigt werde. „Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff ist toll, er ist die eigentliche Revolution! Und der Eigenanteil ist in jedem Pflegegrad gleich, das finde ich genial“ ergänzte Dr. Sabine Schwenk. Gerster erläuterte, dass es sich beim Pflegestärkungsgesetz nicht nur um das eine Gesetz handle; eine große Reform sei in drei Pakete aufgeteilt: „Wir haben ganz viele schöne Bausteine!“ zeigte er sich begeistert.

Die hohe Beratungsleistung, die das neue Gesetz fordert, nahm einen großen Teil des anschließenden Austauschs mit dem angeregt fragenden Publikum ein. Neben den Pflegekassen und Pflegediensten, die pflegebedürftige Personen und ihre Angehörigen beraten, fehle ein Pflegestützpunkt in Biberach, was besonders Moderator Fritzenschaft als großes Manko nannte. Viele Fragen der Zuhörer betrafen die Sicherheit, dass keine pflegebedürftige Person schlechter gestellt ist als vorher, was der Bestandsschutz garantiert.
Zudem wurde das Thema Personal in der Pflege diskutiert. Die 50 Zuschauer interessierten sich sehr dafür, ob in stationären Einrichtungen grundsätzlich ausreichend Personal vorhanden sei – insbesondere auch nachts –, und ob ausreichend Nachwuchs in der Pflege vorhanden sei. Fritzenschaft forderte mehr Anerkennung in der Pflege, nicht nur finanziell, um den Beruf auch für Junge wieder attraktiv zu machen. „Wir sind hier alle gefragt, wir müssen der Politik auf die Füße treten!“ so Fritzenschaft. Denn: „Eigentlich ist das ein sehr schöner Beruf, für den viel spricht, doch die Rahmenbedingungen müssen stimmen!“ schloss der Diakon.

 

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