Zum Thema Gemeinschaftsschulen ...

Veröffentlicht am 03.03.2016 in Landespolitik

Dietrich Elchlepp 

Jan Paul Elchlepp 
 
WEGE ZUR GEMEINSCHAFTSSCHULE 
 
Handreichung zur Initiierung einer Gemeinschaftsschule vor Ort 
 
Handlungsanleitungen 
 
Argumentationshilfen

I. Die bildungspolitische Verpflichtung .......................................................... 3 II. Grundprinzipien einer Gemeinschaftsschule .......................................... 12 III. Die schulgesetzlichen Voraussetzungen für die Gründung einer Gemeinschaftsschule ...................................................................................... 14 IV. Organisation einer örtlichen Kampagne „Pro Gemeinschaftsschule“.. 15 V. Gängige Vorurteile über Gemeinschaftsschulen und Entgegnungen..... 24 VI. Überzeugende Aspekte der Gemeinschaftsschule aus Sicht der Eltern................................................................................. 32 VII. Literatur und Informationsquellen ....................................................... 35 2 Warum diese Handreichung? Unsere Handreichung wendet sich an Bürgerinnen und Bürger, die sich in ihrer Kommune eine neue Schulkultur mit einer Gemeinschaftsschule wünschen und die Erfahrungen anderer bei der Umsetzung dieses Zieles nutzen wollen. Die Arbeitsweise und Erfolge der inzwischen 271 Gemeinschaftsschulen im Land sind bei den Entscheidungsträgern in den Kommunen noch viel zu wenig bekannt. Eltern wissen in der Regel nicht, was an anderen Schulen anders oder besser läuft. Gerade die neue Pädagogik und die Rolle der Lernenden und Lernbegleiter an Gemeinschaftsschulen sind ihnen häufig nicht geläufig. Diese Broschüre ist keine weitere wissenschaftliche Arbeit über Gemeinschaftsschulen. Ihre bildungspolitischen Aussagen sind durch die Praxis erfolgreicher Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg belegt. Nach dem Motto „Praxis trifft auf Vorurteile!“ soll sie dazu beitragen, die Auseinandersetzung über Gemeinschaftsschulen sachlicher zu führen. Denzlingen, November 2015 Dietrich Elchlepp Jan Paul Elchlepp Wir danken Norbert Zeller für die Beratung. (1) Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung. (2) Das öffentliche Schulwesen ist nach diesem Grundsatz zu gestalten….. Artikel 11 der Landesverfassung Baden-Württemberg vom 11. November 1953

 
I. Die bildungspolitische Verpflichtung Was können Eltern und Lehrkräfte bildungspolitisch von der Gemeinschaftsschule erwarten? Die freiwillige Einführung der Gemeinschaftsschule leistet einen Beitrag zu einem sozial gerechteren Schulsystem, ganz im Sinne einer nachhaltigen Reform des Schulwesens, die sich an dem Grundsatz ausrichtet: „Das Kind steht im Mittelpunkt“. In der Gemeinschaftsschule wird eine neue Lernkultur verankert. Sie orientiert sich an den Prinzipien Effektivität, mehr Lernfreude und weniger Angst. Das ist ein Paradigmenwechsel in der Schulpolitik ! Individualität und Heterogenität sind zentrale Herausforderungen im heutigen Schulalltag, auch angesichts der zunehmenden Integrationsaufgaben. Die Gemeinschaftsschule mit ihrer neuen Lernkultur kann dem besser gerecht werden als das gegliederte Schulsystem. Die Drei- bzw. Viergliedrigkeit des deutschen Schulwesens1 stand pädagogisch schon immer auf wackligen Beinen und diente nicht der Chancengerechtigkeit. Es gibt keine wissenschaftliche Begründung für die Gliederung des Schulsystems entlang der unterschiedlichen Begabungen und sozialen Hintergründe von Schülerinnen und Schülern. Es gibt auch nicht den typischen Werkreal-, Real- oder Gymnasialschüler, der entweder nur praktisch oder nur theoretisch begabt wäre. Die Lernpsychologin Elisabeth Stern an der ETH Zürich und ehemalige Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung stellt fest: „Die Anhänger des gegliederten Schulsystems müssen zur Kenntnis nehmen, dass sie keine wissenschaftlichen Argumente für die in Deutschland praktizierte Aufteilung ins Feld führen können.“2 Thorsten Bohl, Professor für Schulpädagogik an der Universität Tübingen, argumentiert ähnlich: „Je gegliederter Systeme sind, desto eher verstärken sie Bildungsbenachteiligung.“3 Auch Schulpsychologen und Kinderärzte meinen, die Entscheidung über die Befähigung für bestimmte Schulwege werde bei vielen SchülerInnen zu früh getroffen und sei deshalb oft fehlerhaft. Darauf deutet übrigens auch die hohe Zahl von Schulwechslern hin (so genannte Abschuler), auch vom Gymnasium auf andere Schularten. Fachleute weisen darauf hin, dass viele Kinder erst nach der Pubertät ihr volles Leistungspotential zeigen. Schon deshalb sollte keine zu frü- he Entscheidung über die endgültige Schullaufbahn getroffen werden. Aufgrund 1 Haupt-/Werkrealschule; Realschule; Gymnasium; Sonderschule 2 Stern, Elisabeth „Raus aus den Schubladen“, in DIE ZEIT 15.12.2005 3 Interview mit Thorsten Bohl in: Bildung und Wissenschaft. Zeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg, 6/2010, S.12 4 ihrer Anlagen und frühen häuslichen Erfahrungen stehen Kinder im gleichen Alter auf sehr verschiedenen Leistungsniveaus und liegen in ihrem Reifegrad oft viele Jahre auseinander. Die meisten SchülerInnen erbringen daher im gleichen Alter in den einzelnen Schulfächern Leistungen auf ganz unterschiedlichen Niveaus. Ein Kind kann gleichzeitig gut sein in Sprachen und schwach in Mathematik. Schon deshalb ist es oft nicht möglich zu sagen, aufgrund welcher Leistungen ein Kind im Alter von zehn Jahren einem bestimmten Bildungsweg und Abschluss zugeordnet werden sollte. Auf diese Tatsache weist insbesondere der erfahrene Schweizer Kinderarzt und Bildungsforscher Remo H. Largo hin.4 Eine bis dato vorherrschende Sicht war, dass man den pädagogischen Grundsatz „Das Kind steht im Mittelpunkt“ auch ohne eine Schulstrukturreform verwirklichen könne, da man individuelle Förderung und neue Lehr- und Lernmethoden ausreichend im bestehenden Schulsystem anbieten könne. Der neue Unterricht sollte daher in homogenen Klassen des bisherigen Schulsystems und nicht in Gemeinschaftsschulen mit heterogenen Klassen stattfinden. Lehrkräfte berichten dagegen aus der schulischen Praxis, dass es diese Homogenität ohnehin nicht gibt und man der heutigen großen Vielfalt von Kindern (Herkunft, Entwicklungsstand) im Sinne fairer Bildungschancen nicht gerecht werden kann, wenn eine zu frühe Auslese stattfindet. Die Schulrealität stehe somit der Notwendigkeit entgegen, alle SchülerInnen als gleich zu behandeln. Im Übrigen haben PISA-Vergleichsuntersuchungen gezeigt, dass es an Gymnasien, Realschulen oder Werkrealschulen keine leistungshomogenen Klassen gibt. Quelle: Präsentation Gemeinschaftsschule, Ministeriums für Kultur, Jugend und Sport http://km-bw.de 4 Largo, Remo H/Beglinger, Martin: Schülerjahre. Wie Kinder besser lernen, 3. Auflage München 2009 5 Die bildungspolitische Schlussfolgerung aus diesen Erkenntnissen müsste also lauten: Alle Kinder und Jugendlichen haben einen Anspruch auf volle Entfaltung ihrer Fähigkeiten. Sehr wichtig ist dafür die frühe Förderung ihrer Lernfreude und Leistungsmotivation. Wir sollten in unseren Schulen wegkommen von der Defizitorientierung durch Noten, die aussagen, was eine_r nicht kann. Wir sollten Schluss machen mit frühen Abstufungen, weil sie von Kindern und Jugendlichen als Beschämung und Ausgrenzung empfunden werden können und daher kontraproduktiv sind. Dagegen müssen wir die individuellen Stärken der Schüler_innen mehr fördern, unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten von Kindern besser Rechnung tragen und deshalb alle Schulabschlüsse möglichst lange offen halten. Abstufungen von schwächeren SchülerInnen auf andere Schularten mögen einfacher oder bequemer sein. Es geht aber nicht darum, den SchülerInnen die alleinige Verantwortung für das Scheitern zu geben. Es ist die primäre Aufgabe der Schule, auch die schwächeren SchülerInnen zu einem größeren Lernerfolg zu führen. Deshalb gibt es an einer Gemeinschaftsschule keine Abstufungen und kein Sitzenbleiben. Lehrkräfte an den Gemeinschaftsschulen im Land berichten, dass es immer wieder faszinierend sei zu sehen, wie SchülerInnen, denen man im fünften oder sechsten Schuljahr keine große Schulkarriere zugetraut habe, auf einmal im achten oder zehnten Schuljahr aus sich herauskommen und Leistungsstärke zeigen. Wie Professor Dr. Klaus Klemm in einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung festgestellt hat, ist unser bisheriges Schulsystem auch nicht effizient. Für das Gemeinwesen ist die hohe Zahl von Wiederholern oder Schulabbrechern eine teure Angelegenheit, da sie hohe zusätzliche Personalkosten verursachen. Ungefähr eine Viertel Millionen SchülerInnen bleiben jährlich sitzen, das kostet etwa eine Milliarde Euro.5 Ferner heißt es in dieser Studie: „Klassenwiederholungen führen weder bei den sitzengebliebenen Schülerinnen und Schülern zu einer Verbesserung ihrer kognitiven Entwicklung, noch profitieren die im ursprünglichen Klassenverband verbliebenen Schüler und Schülerinnen von diesem Instrument. Dies belegen alle verfügbaren und bei einer methodenkritischen Überprüfung belastbaren empirischen Studien. Klassenwiederholungen sind daher als unwirksame Maßnahme in den deutschen Schulsystemen anzusehen.“ 5 Klassenwiederholung – teuer und unwirksam. Eine Studie zu den Ausgaben für Klassenwiederholungen in Deutschland von Prof. em. Dr. Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh 2009 S. 3 6 Die Mär von der „Einheitsschule“ Die Gemeinschaftsschulen werden als niveausenkende „ Einheitsschulen“ diffamiert. Wenn aber im bisherigen Schulsystem jeder Schüler zur gleichen Zeit am gleichen Ort das Gleiche lernen soll – was im Grunde auch an den Gymnasien erfolgt – dann könnten in diesen Sinne wohl eher diese und nicht die Gemeinschaftsschulen als "Einheitsschulen" bezeichnet werden. Die Uraltmethodik dieses bisherigen „Einheitsunterrichts“ könnte durch eine konsequente Individualisierung des Unterrichts und durch selbstgesteuertes Lernen überwunden werden, so dass SchülerInnen eine aktivere Rolle beim Lernen einnehmen.6 Einige Schulen haben damit bereits begonnen. Nur sollte dies in allen Städten und Landkreisen flächendeckend erfolgen. 6 siehe dazu in Kapitel II „Kompetenzraster an Gemeinschaftsschulen“ 7 Nachhilfe ist ein Armutszeugnis für jede Schule Bezahlte Nachhilfe wird durch die Gemeinschaftsschule überflüssig. Der Einheitsunterricht an den bisherigen Schularten in Deutschland hingegen erzwingt Nachhilfe. Das erzeugt hohe Kosten, die vor allem finanzschwache Familien belasten und somit die soziale Auslese verstärken. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass SchülerInnen aus wohlhabenden Familien den meisten Nachhilfeunterricht erhalten. Der Anteil der NachhilfeschülerInnen aus dem obersten Einkommensviertel ist doppelt so hoch wie derjenige aus dem untersten.7 Insgesamt werden jährlich in Deutschland 1,5 Milliarden Euro für Nachhilfestunden ausgegeben. Baden-Württemberg ist Spitzenreiter mit 131 Euro pro Haushalt.8 Es ist beschämend für das öffentliche Schulwesen, wenn Nachhilfeschulen in Zeitungsanzeigen darauf hinweisen, was Schüler bis zum Schuljahresende nicht gelernt haben, und anbieten, das Versäumte gegen Bezahlung durch die Eltern nachzuholen. 7 Thorsten Schneider: Nachhilfe als Strategie zur Verwirklichung von Bildungszielen – Eine empirische Untersuchung mit Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), DIW Berlin 2004 8 Prof. em. Dr. Klaus Klemm und Annemarie Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung: Ausgaben für Nachhilfe – teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung, Gütersloh 2010 PISA zeigt: Gemeinschaftsschulen sind überlegen Professor Karl Lauterbach, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie an der Universität Köln, schreibt in seinem Buch „Der Zweiklassenstaat“(2007): „Nur in Gemeinschaftsschulen kann sichergestellt werden, dass alle Kinder gemäß ihren jeweiligen einzelnen Begabungen gefördert werden. Dieses System hat sich im Rahmen der PISA-Studie als überlegen erwiesen, weil es der Tatsache Rechnung trägt, dass Kinder oft nur in bestimmten Bereichen begabt sind und sich Begabungen der Kinder auch zeitlich sehr unterschiedlich entwickeln. (…) Die individuelle Förderung von Teilbegabungen funktioniert in der Praxis nur in einem System qualitativ hochwertiger Gemeinschaftsschulen.“ 8 „Musterland“ Baden-Württemberg? Es ist unbestritten, dass in Deutschland noch immer in hohem Maße die soziale Herkunft den Schulerfolg und die Studienchancen eines Jugendlichen bestimmt. Ein Kind aus der sozialen Oberschicht hat eine mehrfach größere Chance, das Abitur zu erreichen als ein Kind aus sogenannten bildungsfernen Schichten - bei gleicher Begabung.9 Diese sozialen und migrationsbedingten Ungleichheiten der Bildungsbeteiligung sind in Baden-Württemberg ähnlich ausgeprägt wie in anderen westdeutschen Flächenstaaten, sagt der Expertenrat „Herkunft und Bildungserfolg“.10 Das wirkt sich auch auf den Bildungserfolg aus: Knapp 20 v. H. der 15-Jährigen überschreiten nach den PISA -Vergleichsstudien nicht die unterste Stufe der Lesekompetenz. Eine höhere Stufe zu erreichen ist jedoch wichtig, um erfolgreich eine anerkannte Berufsausbildung zu durchlaufen. In Staaten, in denen Kinder bis zu ihrem 16.Lebensjahr gemeinsam eine Schule besuchen, werden familienbedingte Benachteiligungen weit besser ausgeglichen. Die spätere Entscheidung über den Schulabschluss ermöglicht einen längeren Interventionsspielraum zugunsten der Kinder. Chancengleichheit in der Bildung ist ein Wert an sich Es ist plausibel, dass die Gesellschaft alle klugen Köpfe braucht, dass ohne Bildung häufiger Arbeitslosigkeit droht, dass schlecht ausgebildete Menschen längere Phasen ohne Arbeit bleiben und dann auch keine Steuern zahlen und zudem die Gefahr der Altersarmut droht. Ebenso plausibel ist, dass ein Schulsystem wie das bisherige in Baden-Württemberg, das in hohem Maße Klassenwiederholungen, Schulversagen und Abstufungen erzeugt, die ohnehin viel zu niedrigen Bildungsausgaben nicht effizient einsetzt und hohe Mehrkosten verursacht.11 Unabhängig von solchen Überlegungen sollte für alle DemokratInnen gelten, dass es das Recht eines Kindes an sich ist, optimal gefördert zu werden, und dass die Schule in einer demokratischen Gesellschaft die Aufgabe hat, das Zusammenleben aller erfahrbar zu machen. 9 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks „Die wirtschaftliche und soziale Lage von Studierenden in Deutschland 2012“ , S. 76 ff 10 Expertenrat „Herkunft und Bildungserfolg“, Leitung Prof. Dr. Jürgen Baumert , Empfehlungen für Bildungspolitische Weichenstellungen in der Perspektive auf das Jahr 2020, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ,2011 ,Seite 106 11 Anne Ratzki in Auernheimer: Schieflagen im Bildungssystem. Die Benachteiligung der Migrantenkinder, Wiesbaden 2009 9 Sicherlich muss auch bei uns in Baden-Württemberg nicht alles neu erfunden werden, was pädagogisch sinnvoll ist. Vereinzelt haben Lehrkräfte auch hier schon früh im Rahmen des Möglichen auf fortschrittliche Unterrichtsformen umgestellt. Das war aber nicht immer leicht und ist nicht flächendeckend erfolgt, also nicht systemisch, weil es von früheren CDU/FDP-Regierungen bildungspolitisch so nicht gewollt war. Nach vielen Klein- und Scheinreformen in den letzten Jahrzehnten12 werden jetzt auf breiterer Ebene pädagogische Erkenntnisse umgesetzt, wie Schulen gerechter, bei Schülern beliebter und erfolgreicher werden können. An den Grundschulen lernen schon heute alle Kinder gemeinsam. Mit der Einführung der Gemeinschaftsschule ist die Chance gegeben, dieses Prinzip auch für ältere SchülerInnen konsequent fortzusetzen – ein guter Ansatz, die Chancengleichheit stärker in unserem Bildungssystem zu verankern. Der negative Einfluss von sozialer Herkunft auf individuelle Bildungschancen von Kindern kann zwar nicht immer ausgeglichen werden. Inzwischen wurde aber auch in Deutschland gezeigt, dass mit der Einführung von Gemeinschaftsschulen der bislang enge Zusammenhang von Lernerfolg und sozialer Herkunft entkoppelt werden kann.13 Gegen Populismus in der aktuellen Schuldebatte – nur die Praxis kann überzeugen Reformkritiker arbeiten oft recht populistisch gegen die Gemeinschaftsschulen, argumentieren erstaunlich unsachlich und diffamieren die Gemeinschaftsschulen mit unbelegten Behauptungen. Offensichtlich wollen sie Ängste schüren. Wenn man in Diskussionen nachhakt, müssen viele der Gegner zugeben, nie eine Gemeinschaftsschule besucht zu haben. Sie kehren oft Vorurteile aus den 70erJahren über die „Gesamtschulen“ hervor, obwohl diese mit einer Gemeinschaftsschule nicht vergleichbar sind – und obwohl auch diese erfolgreich arbeiten. Man sollte in solchen Gesprächssituationen darauf hinweisen, dass zahlreiche Anträge für Gemeinschaftsschulen auch von solchen Gemeinderatsfraktionen und BürgermeisterInnen aus Parteien gestellt oder unterstützt wurden, die nicht der Landesregierung angehören. Rund ein Drittel der Städte und Gemeinden, die in Baden-Württemberg bisher Anträge für Gemeinschaftsschulen stellten, taten dies auch mit Zustimmung von Christdemokraten vor Ort. Im Landtag lehnt die CDU diese Schulform ab. Diesen Kommunalpolitikern ist das Wohl der Kinder wichtiger als ideologische Kampagnen. Gegner führen oft ins Feld, die Gemeinschaftsschule würde am Elternwillen vorbei eingeführt. Hier muss man wissen, dass ein Antrag auf Einrichtung der Gemeinschaftsschule nur auf Wunsch des Schulträgers, nicht von der Landesre- 12 siehe z. B. die kurzlebige Werkrealschule 13 Siehe Seite 26, Frankfurter Rundschau: „Starke und Schwache lernen zusammen“ 10 gierung, gestellt werden kann. Die Schulkonferenz, in der Eltern vertreten sind, muss zustimmen. Widerstand gegen die Gemeinschaftsschule gibt es aber nicht nur aus den Reihen der Politik, sondern auch von Eltern und LehrerInnen. Statusgründe, etwa der Stolz auf die eigene Realschule, oder schlicht fehlende Informationen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Manche möchten sich einfach nicht informieren lassen oder nichts Neues ausprobieren. Die „neue Realschule“ Interessant ist, dass dort, wo anstelle der Gemeinschaftsschule die „neue Realschule“ eingeführt werden soll, LehrerInnen auch auf pädagogische Elemente der Gemeinschaftsschule zurückgreifen können. Dazu gehören etwa die Neugestaltung der Lernumgebung, neue Lernmethoden oder die Rolle der LehrerInnen als Lernbegleiter. Ein Vorteil der „neuen Realschule“ besteht darin, dass hier künftig auch der Hauptschulabschluss angeboten wird und SchülerInnen nicht abgestuft werden dürfen. Die „neue Realschule“ kann ein Schritt auf dem Weg zu einer Gemeinschaftsschule sein, aber es gibt noch deutliche Unterschiede: Es wird im Klassenverband, nicht ausschließlich in Lerngruppen unterrichtet. Nach der zweijährigen gemeinsamen Orientierungsstufe (Klassen 5 und 6) wird festgelegt, auf welchem Niveau der Schüler/die Schülerin weiterlernt. Diese Niveauzuweisungen können nach jedem Jahr geändert werden; es gibt also Abund Aufstufungen der SchülerInnen. Eine äußere Differenzierung soll in den Klassenstufen 7 und 8 in den Fächern Englisch, Deutsch und Mathematik möglich sein. Die neue Lernkonzeption als Schwerpunkt bei der Werbung für Gemeinschaftsschulen Bisher gibt es in Baden-Württemberg 27114 Gemeinschaftsschulen, die überzeugend aus ihrer Praxis berichten können. Zukünftig müssen Eltern noch stärker über die pädagogischen Vorteile der Gemeinschaftsschule informiert werden, denn dies ist bisher eindeutig zu kurz gekommen. Verdeutlicht werden muss, dass es nicht allein um den Erhalt von Schulstandorten geht oder um Ausbauten von Schulhäusern wegen eines erhöhten Platzbedarfs, sondern vor allem um neue Wege für ein kindgerechtes Lernen. Daher ist es ratsam, bei jeder örtlichen Initiative mit folgenden Fragen zu beginnen: Welche persönlichen Vorteile haben unsere Kinder und Jugendlichen von einer Gemeinschaftsschule? Was ist das Neue im Unterricht? Was bedeutet ein „am Kind orientiertes Lernen“ im Schulalltag?15 14 Stand November 2015 15 siehe dazu Kapitel IV und V 11 Bisher sind fortschrittliche Schulkonzepte von ihren Gegnern mit der Behauptung abgelehnt worden, man verspreche etwas Utopisches oder Idealisiertes. Sicherlich muss man sich bei grundlegenden Schulreformen auf einen längeren Reform- und Überzeugungszeitraum einstellen. Das war auch in Finnland und Schweden so. Wenn es uns aber gelingt, künftig mehr und authentisch über Gemeinschaftsschulen in unserer Region zu informieren, indem LehrerInnen und Elternvertreter aus dem Schulalltag berichten, dreht man die Argumentation um, nach dem Motto: „Vorurteile treffen auf Praxis“. Quelle: Präsentation Gemeinschaftsschule des Ministeriums für Kultur, Jugend und Sport, km-bw.de 12 II. Grundprinzipien einer Gemeinschaftsschule An Gemeinschaftsschulen können SchülerInnen alle Abschlüsse erreichen, ohne frühe Festlegung auf Abschlussart und frühe äußere Differenzierung im Unterricht. Dies schließt auch den Gymnasialzugang ein. Auch das Abitur über die Gemeinschaftsschule erreichbar. Falls die Gemeinschaftsschule keine eigene gymnasiale Oberstufe anbietet, wechseln SchülerInnen mit gymnasialem Niveau nach der 10. Klasse auf berufliche oder allgemeinbildende Gymnasien. Das Kultusministerium stellt an jede Gemeinschaftsschule hohe Qualitätsanforderungen. Vor allem zeichnen sich Gemeinschaftsschulen durch ihren hohen Anspruch an eigenverantwortliches, individuelles Lernen aus. Das bedeutet eine Abkehr von der alleinigen Instruktion durch die Lehrkraft hin zum eigenständigen Lernen des Schülers/der Schülerin. Die Rolle der Lehrkräfte als LernbegleiterInnen besteht in der Unterstützung, Begleitung und Förderung der einzelnen SchülerInnen. Ziele der Gemeinschaftsschule  Durch ein Maximum an individuellem Lernen und ein Optimum an gemeinsamem Lernen entwickeln Kinder und Jugendliche Freude am Lernen.  Jedes Kind bekommt die bestmögliche Förderung und erreicht den optimalen Schulabschluss. Keine frühe Auslese und keine Orientierung an seinen Defiziten, sondern an seinen Leistungspotentialen – auch für Kinder mit Behinderungen.  Menschliche Unterschiede werden in heterogenen Gruppen als lebensnah sowie als Bereicherung erlebt und stärken im schulischen Alltag das Verständnis für Demokratie und Solidarität.  Herkunft und Bildungserfolg werden im Gegensatz zum herkömmlichen Schulsystem weitgehend entkoppelt.  Mit den Eltern wird aktive Erziehungspartnerschaft gelebt. 13 Lehrerinnen und Lehrer werden in der Gemeinschaftsschule zu LernbegleiterInnen. Sie arbeiten analog zum Bildungsplan mit einem differenzierten Bewertungsbogen, auch Kompetenzraster genannt. Muster eines Kompetenzraster Quelle: Präsentation Gemeinschaftsschule des Ministeriums für Kultur, Jugend und Sport, km-bw.de Es gibt keine Noten, stattdessen eine regelmäßige, differenzierte Dokumentation des Leistungsstandes und eine enge Beratung mit SchülerInnen und Eltern. Dadurch sind Lernfortschritte nachvollziehbar und dokumentiert. Sie sollen den aktuellen Leistungsstand des Kindes beschreiben. SchülerInnen an Gemeinschaftsschulen lernen in interaktiven Gruppen und in der Projektarbeit in und außerhalb der Schule und zeigen eine hohe Leistungsbereitschaft.16 Sie lernen in Kooperation, führen Lerntagebücher über ihre Arbeit und überprüfen diese gemeinsam mit ihrem Lernbegleiter/ihrer Lernbegleiterin. Pünktlichkeit, Sozialverhalten und der Umgang mit Lernmaterialien werden 16 Siehe Prof. Dr. M. R. Busemeyer / Susanne Haastert, „Kontrovers, aber erfolgreich!?“ Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg, Stuttgart 2015, Kap.4. S.29-36 14 überprüft. Die SchülerInnen besprechen regelmäßig mit ihrem Coach die nächsten Lernschritte. Hier werden also auch Fähigkeiten eingeübt, die in der späteren Ausbildung von Vorteil sind und zur Selbständigkeit erziehen. Auch in der Gemeinschaftsschule herrschen klare Regeln und Strukturen. Leistung wird, entgegen manchen Vorurteilen, selbstverständlich vorausgesetzt. Die Heterogenität der SchülerInnen schadet nicht, denn auch für die Leistungsstärkeren gibt es besondere Angebote. Es gilt der Grundsatz: „Vielfalt macht schlauer.“ III. Die schulgesetzlichen Voraussetzungen für die Gründung einer Gemeinschaftsschule Für die Genehmigung spielen folgende Kriterien eine Rolle17 : 1. Das pädagogische Konzept muss stimmen. Somit ist die Frage zu stellen, in welchem Umfang individualisierte und kooperative Lernformen vorgesehen sind. Die Verantwortung für den eigenen Lern- und Bildungsprozess soll so weit wie möglich in die Hände der Kinder und Jugendlichen gelegt werden. Die dazu notwendige Unterstützung muss angeboten werden, vor allem durch die Lehrkräfte bzw. Lernbegleiter. 2. Der neue Unterricht richtet sich an den Stärken der Schülerinnen und Schüler aus. 3. Ganztagsunterricht und Inklusion müssen geplant oder bereits umgesetzt werden. Wichtig sind dabei die Fragen nach der sensiblen und differenzierten Wahrnehmung des Menschen:  „Wer soll unterstützt werden?“  „Wie kann voneinander gelernt werden?“ Die Übernahme von Verantwortung muss als etwas Selbstverständliches erlebbar und erlernbar sein. Die Lehrkräfte leben dies vor. 4. Es müssen die sachlichen und baulichen Voraussetzungen vorhanden sein oder geschaffen werden, etwa zur räumlichen Umsetzung des Selbstlernprozesses (Ateliers, Nutzung der Flure, Mensa etc.) und für die Inklusion. 5. Die Schule muss in einer längerfristigen Perspektive genügend SchülerInnen haben, mindestens 40 pro Jahrgang. Es muss mindestens eine Zweizügigkeit gewährleistet sein.18 17 „Handreichung zur Beantragung einer Gemeinschaftsschule“ http://www.kultusportalbw.de/site/pbs-bw/get/documents/KULTUS.Dachmandant/KULTUS/kultusportalbw/Gemeinschaftsschule/Handreichung_Beantragung_GMS_2015 18 siehe Formulierung auf der Internetseite des Kultusministeriums Baden-Württemberg (www.kmbw.de) 15 IV. Organisation einer örtlichen Kampagne „Pro Gemeinschaftsschule“ Was muss man beim Start beachten? In der Bevölkerung fehlt es noch an ausreichendem Wissen über Gemeinschaftsschulen, vor allem ist das pädagogisch Neue und Vorteilhafte zu wenig bekannt. Eltern, LehrerInnen und Entscheidungsträger haben ein anders Schulsystem durchlaufen. Sie können sich oftmals schwer vorstellen, wie eine Gemeinschaftsschule erfolgreich sein kann. Da haben es Kreise, die Vorurteile gegen eine Schulreformpolitik bedienen, zuerst einmal leichter. Wir werden uns daher später mit einigen der gängigen Vorurteile auseinandersetzen.19 Aus Gründen der Demokratie war die Entscheidung in Baden-Württemberg begrüßenswert, dass bei der Gründung von Gemeinschaftsschulen der „Bottomup“-Ansatz gelten soll. Das bedeutet, dass der Schulträger (die Gemeinde oder der Gemeindeverwaltungsverband) nach Anhörung der Elternvertretung in der Schulkonferenz über die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule entscheidet, also nicht das Kultusministerium von oben herab. Die Elternvertreter sind dabei, das alleine reicht aber nicht aus. Alle Eltern der betroffenen Schulen, aber auch die Eltern der Kinder in Grundschulen und Kindertagesstätten sollten frühzeitig Informationen über die Gemeinschaftsschule erhalten. Dort, wo LehrerInnen sich engagieren oder ein Schulrektor/in Motor einer Initiative ist, sind Eltern und Gemeinderäte leichter zu informieren und zu gewinnen als anderswo. Oftmals wird nur durch die Gemeinschaftsschule ein Schulstandort wohnortnah erhalten und mit einem breiteren Bildungsangebot versehen. Im ländlichen Raum haben Standortfragen auch in dieser Hinsicht Bedeutung. Die Gemeinschaftsschule ist eine neue Schulart und im Schulgesetz des Landes verankert. Es wäre daher bedenklich, wenn eine Gemeinschaftsschule vor Ort verhindert wird, weil die Gefahr besteht, SchülerInnen von der Realschule könnten abgeworben werden. Wenn auch bisher kaum verwirklicht: Eine Gemeinschaftsschule kann auch eine eigene gymnasiale Oberstufe haben. Ferner kann eine Grundschule integriert sein, was die Akzeptanz einer Gemeinschaftsschule bei Eltern und LehrerInnen stärkt.20 19 Siehe Kapitel V 20 Siehe Gemeinschaftsschule Gebhard Konstanz, http://gebhardschule-konstanz.de 16 Wie kann man die Gemeinschaftsschule zum Thema der Kommunalpolitik machen? Die begonnene Schulentwicklungsplanung in den Regierungsbezirken BadenWürttembergs ist eine gute Gelegenheit, die künftige Schulstruktur am Ort bei Eltern und BürgerInnen ins Gespräch zu bringen und eine breite Bürgerbeteiligung zu fordern. Als Entscheidungshilfe für Gemeinden stehen Berater („Schulentwicklungsplaner“) zur Verfügung.21 Man sollte darauf bestehen, dass von Anfang an alle Alternativen eines künftigen Schulangebots – also auch die Gemeinschaftsschule – in öffentlichen Informationsveranstaltungen der Gemeinde Gehör finden. Bei dieser Schulentwicklungsplanung wird von den Abschlüssen und nicht von den Schularten her gedacht. Das Kultusministerium verfolgt das Ziel, allen SchülerInnen in zumutbarer Erreichbarkeit von ihrem Wohnort einen Bildungsabschluss entsprechend ihren Begabungen zu ermöglichen. Es sollen Schulen geschaffen werden, die aufgrund ihrer Größe und Ausstattung beste pädagogische Bedingungen bieten und langfristig effizient arbeiten können. Im Rahmen dieser Planung sollte daher kommunalpolitisch die Frage gestellt werden, ob eine Gemeinschaftsschule schon deshalb sinnvoll ist, um künftig überall ein schulisches Angebot mit allen Abschlüssen sicherzustellen. Damit ist auch die Chance gegeben, das Schulsystem in Richtung des so genannten Zwei-SäulenModells aus Gemeinschaftsschulen und Gymnasien weiterzuentwickeln. Die Raumschaft für eine solche Schulentwicklungsplanung umfasst übrigens nicht nur den bisherigen räumlichen Einzugsbereich einer Schule, sondern gegebenenfalls ein den Landkreis oder den Regierungsbezirk übergreifendes Gebiet, wo wegen der Veränderungen der Schülerströme schulorganisatorische Maß- nahmen notwendig werden. Wie kann man vor Ort die Vorteile einer Gemeinschaftsschule herausstellen ? Herrscht im Gemeinderat weitgehend Konsens über die Gründung einer Gemeinschaftsschule, so ist denkbar, einen „Arbeitskreis Schulentwicklungsplanung“ einzurichten, der sich aus VertreterInnen der Gemeinderatsfraktionen, den örtlichen Schulleitungen und allen interessierten Eltern zusammensetzt. Ansprechbar wären auch die Grundschuleltern, da die neue Gemeinschaftsschule künftig für ihre Kinder eine Alternative darstellt.22 Die Erfahrung bei bisherigen Schulgründungen zeigt, dass in solchen Fällen meist ein Schulleiter oder Schulleiterin gemeinsam mit dem/der Bürgermeis- 21 siehe zum Beispiel die Schulentwicklungsplanungen der Städte Friedrichshafen oder Esslingen und das Planungsbüro „Bi-Regio“ 22 siehe dazu Schema S.23 17 ter/in die Initiative ergreift. Sie bemühen sich dann, in Gesprächsrunden an den Schulen bei Eltern Ängste vor dem Unbekannten abzubauen. Aus einem solchen Arbeitskreis könnte eine „Arbeitsgruppe Konzeption“ mit Pädagoginnen beispielsweise aus der Werkrealschule und einer Realschule hervorgehen, die in Kooperation mit einer auswärtigen Gemeinschaftsschule und durch Hospitationen von Lehrkräften das Konzept für die eigene Gemeinschaftsschule entwickelt. Wichtig ist, dass Eltern den Aufbau der Gemeinschaftsschule mittragen. Sie können in Arbeitsgruppen gewisse Aufgaben begleiten, wie zum Beispiel das Thema Mensa oder die notwendigen Neu- und Umbauten. Später können die Eltern bei den regelmäßig stattfindenden Lernentwicklungsgesprächen in das pädagogische Konzept und die neuen Lernformen eingeführt werden. Besteht in einer Gemeinde zunächst kein Konsens über die Gründung einer Gemeinschaftsschule, weil die Bevölkerung und vor allem die Eltern noch von der neuen Schulart überzeugt werden müssen, könnte etwa bei anstehenden Überlegungen zum kommunalen Schulentwicklungsplan die Gelegenheit genutzt werden, einen offenen Arbeitskreis23 auf breiter gesellschaftlicher Basis zu gründen. Diesem Arbeitskreis könnten sozial engagierte Gruppierungen angehö- ren wie die Handwerkerschaft, Elternvertreter, bildungsinteressierte BürgerInnen, Parteien und Gewerkschaften. Sie könnten für die Gemeinschaftsschule werben und mit Hilfe von erfahrenen Lehrkräften ein Grobkonzept erarbeiten. Die finanzielle Unterstützung könnte dabei die Gründung eines gemeinnützigen Vereins sichern, der Spenden einwirbt, um damit Informationsbroschüren und öffentliche Veranstaltungen zu finanzieren. Freilich müsste bald darauf eine örtliche Schule (Werkreal- oder Realschule) gefunden werden, die daran interessiert ist, eine Gemeinschaftsschule zu werden und das neue Schulkonzept mit ihrer Schulleitung, ihren Lehrkräften sowie den Eltern erarbeitet. Der Idealfall ist, dass ein/eine Schulleiter/in oder ein/eine BürgermeisterIn (für den Schulträger) aktiv in dieser Initiative mitwirkt und sie öffentlich unterstützt, wie es in zahlreichen Gemeinden Baden-Württembergs bereits erfolgt ist. Dieser offene Arbeitskreis sollte bei Bürgern und Vereinen am Ort Öffentlichkeitsarbeit betreiben und sich von ihnen einladen lassen, um das Schulkonzept vorzustellen. Ganz früh sind die GemeinderätInnen einzubinden und möglichst auch Pressevertreter, damit eine regelmäßige und professionelle Öffentlichkeitsarbeit sichergestellt wird. 23 siehe Seite 22: „Freiburger Bündnis – eine Schule für alle e.V.“ 18 Wie kann man die Gemeinschaftsschule bei den wichtigen Zielgruppen bekannt machen? Hinweise zur Planung von Informationsabenden, Infoständen und Gesprächsrunden mit Eltern: Ein für alle Bürger offener Arbeitskreis sollte mit regelmäßigen Infoständen im Ort, vorzugsweise vor den Grundschulen und Kindergärten, mit den Eltern ins Gespräch kommen. Dieser Arbeitskreis lädt zu Elternabenden und zu Podiumsdiskussionen ein, um bereits existierende Gemeinschaftsschulen vorzustellen. Zu den Informationsveranstaltungen könnten folgende ReferentInnen eingeladen werden:  eine praktizierende Lehrkraft bzw. ein Lernbegleiter an einer nahen Gemeinschaftsschule  Elternvertreter einer Gemeinschaftsschule, um überzeugend aus der Sicht von Eltern berichten zu können und um Vertrauen zu schaffen  Bildungsexperten aus Wissenschaft und Politik Ein Ankündigungsslogan für solche Veranstaltungen könnte lauten: oder: Vorurteile treffen auf Praxis - was eine Gemeinschaftsschule wirklich besser kann 19  Die Lehrkräfte der örtlichen Schulen, die Elternvertreter, Gemeinderä- te/innen, Vertreter der Volkshochschulen und Kirchen sollten persönlich eingeladen werden. Die Erwartung, dass sie zahlreich teilnehmen, sollte jedoch aufgrund der bisherigen Erfahrungen nicht zu hoch angesetzt werden.  Auch die Gegner der Gemeinschaftsschule vor Ort, die sich zum Beispiel in Leserbriefen skeptisch geäußert haben, sollten persönlich eingeladen werden, um sich der Diskussion zu stellen. Es kann für die spätere Presseberichterstattung interessant sein, wenn sie nicht erscheinen.  Wegen des Datenschutzes gelangt man nicht leicht an die Namen und Adressen der Eltern. Man kann die Schulleitungen bitten, die Einladungsbriefe an die Elternvertreter weiterzugeben.  Ein weiterer guter Weg ist die Einladung der Eltern zu einem Informationsabend über persönliche Gespräche mit Hilfe eines kleinen mobilen Stands und Flugblättern vor Kindergärten, Grundschulen oder auf dem Wochenmarkt. Man sollte darauf achten, dass diese Werbung nur auf öffentlichen Wegen und nicht auf dem Schulgelände erfolgt.  Ein erfolgreiches Instrument, um auf Gemeinschaftsschule aufmerksam zu machen, könnte eine kurze Elternbefragung mittels eines Fragebogens sein, mit dem die Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit von Eltern mit dem aktuellen Schulbetrieb vor Ort erkundet wird. Fragebogenmuster 20 Durch solche Abfragen kommt man leichter mit BürgerInnen über notwendige Schulreformen ins Gespräch und kann dabei auf Lösungsmöglichkeiten für Probleme durch Gemeinschaftsschulen hinweisen oder die Neugier auf diese Schulform wecken. Gleichzeitig kann zu geplanten Veranstaltungen eingeladen werden.  Bei der Festsetzung der Veranstaltungszeit sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass die Eltern schulpflichtiger Kinder in Anbetracht ihrer häuslichen und beruflichen Verpflichtungen tatsächlich teilnehmen können.  Der Leiter der Gesprächsrunde sollte ein erfahrener Moderator sein, um die öffentliche Akzeptanz zu erhöhen.  Eingangs sollte für die Eltern, die zum ersten Mal mit der Gemeinschaftsschulidee konfrontiert werden, der Kurzfilm des Kultusministeriums24 oder der neueste Film über die Gemeinschaftsschule in Konstanz25 gezeigt werden. Kurzfilm der Landesregierung: https://youtu.be/dHp9FYdKsiY Filme haben sich als wirksames Mittel erwiesen, um die neue Lernform und die andere Schulatmosphäre in einer Gemeinschaftsschule anschaulich zu vermitteln. Dies kann aber nur ein erster Einstieg in das Thema sein.  Im Nachgang zu solchen Veranstaltungen oder am besten noch auf der Versammlung selbst sollte der Versuch unternommen werden, spontan einen Arbeitskreis mit Befürwortern der Reformschule zu verabreden, sofern nicht schon eine Schule selbst aktiv wird. 24 Fünf-Minuten-Film: http://www.gemeinschaftsschule-bw.de/,Lde/Materialien 25 Vielfalt mach schlauer – Ein Besuch an einer Gemeinschaftsschule: http://www.kmbw.de/,Lde/Startseite/Schule/Video+_ 21 Wenn das Beispiel einer funktionierenden Gemeinschaftsschule in der örtlichen Presse erläutert wird, ist dies ein wichtiger Beitrag zu mehr öffentlicher Aufmerksamkeit für diese Schulart. Die Gemeinschaftsschule kann als Modell vor Ort nicht mehr totgeschwiegen werden. Sie kann auch nicht länger falsch dargestellt werden, wenn die Referenten der Veranstaltung auf Einwendungen detailliert eingehen. Die Ergebnisse einer solchen Versammlung sollten durch Leserbriefe verstärkt werden. Bei allen Aktionen und Veranstaltungen müssen Informationsmaterialien über die Gemeinschaftsschule ausliegen. Diese sind beim Kultusministerium über die Internetseite kostenlos erhältlich.26 26 siehe http://kultusportal-bw.de/,Lde/Publikationen+des+Kultusministeriums ,www.gemeinschaftsschule-bw.de oder Kapitel VII – Literaturhinweise und Informationsquellen 22 Es ist auch sinnvoll, zusätzlich ortspezifische Materialien über die neue Schule zu erstellen, beispielsweise in Form einer Internetpräsenz des Aktionskreises, siehe das Muster „Freiburger Bündnis – eine Schule für alle e.V“: 23 Die Gründungsinitiative kann ausgehen von: SchulleiterIn / Kollegium einer Werkrealschule, Realschule, eines Gymnasiums / Schulverbundes oder Schulleitung und BürgermeisterIn gemeinsam mit Eltern, GemeinderätInnen oder ( seltener und schwieriger ) „Bürgerinitiative Gemeinschaftsschule“  getragen von engagierten Eltern, LehrerInnen, politischen Parteien am Schulstandort mit Informationshilfen und Überzeugungsarbeit durch LehrerInnen und ElternvertreterInnen aus bereits bestehenden Gemeinschaftsschulen mit dem Motto „Vorurteile treffen auf Praxis“  dazu wiederholte anschauliche Informationen der Bevölkerung (auch mit Hilfe von Filmen) über Ziele der Gemeinschaftsschule als echter pädagogischer Alternative, um Vorurteilen entgegenzutreten und eine neutrale Debatte am Ort zu ermöglichen Das pädagogische/räumliche Konzept Das Konzept der Gemeinschaftsschule wird erarbeitet von einer Steuergruppe aus Schulleitung, Lehrkräften, GemeindevertreterInnen und Eltern.  Sie lenkt einzelne Arbeitsgruppen, die sich zu Schwerpunktthemen gebildet haben, etwa AG Pädagogisches Konzept, AG Ganztagsschule, AG Mensa, AG Öffentlichkeitsarbeit etc.  Diese Arbeit wird unterstützt durch Vor-Ort-Besuche und Hospitationen von LehrerInnen und Eltern bei bereits praktizierenden Gemeinschaftsschulen der Region.  Das Konzept oder Schritte dahin (z.B. was unter einem Lernatelier, individuellem Lernen, kooperativem Lernen etc. zu verstehen ist) werden den Elternvertreter und den GemeinderätInnen am „Tag der offenen Tür“ vorgestellt.  Regelmäßige Info-Stände von Eltern und Lehrkräften in der Gemeinde, auf Festen, Märkten, vor dem Schwimmbad, vor Grundschulen und Kindergärten etc. werben für das Konzept.  Sie organisiert Informationsveranstaltungen mit Gästen aus praktizierenden Gemeinschaftsschulen in der Region („Vorurteile treffen auf Praxis“) mit einem/einer erfahrenen ModeratorIn.  Der Antrag  zur Genehmigung und Finanzierung der neuen Schule wird von der Gemeinde als Schulträger gestellt. Das von der Schule erarbeitete neue Schulkonzept wird zuvor von der Schulverwaltung begutachtet. Entspricht das pädagogische Konzept nicht den Anforderungen (siehe Seite 14), kann der Antrag nicht genehmigt werden. 24 V. Gängige Vorurteile über Gemeinschaftsschulen – und wie man sie widerlegen kann 1. „ Die Leistungsschwächeren behindern die Leistungsstarken.“ Richtig ist:  Gemeinschafsschulen sollen den Leistungswillen nicht bremsen, sondern ihn ausdrücklich fördern.  Kinder kommen mit dem Willen zur Schule, etwas zu leisten.  Heterogene Klassen gehen nicht zu Lasten guter SchülerInnen.  Lernerfolg muss nicht von sozialer Herkunft abhängen. Wissenschaftliche Untersuchungen über erfolgreiche Schulsysteme in Ländern mit guten PISA-Ergebnissen wie Schweden, Finnland oder England zeigen, dass bei längerem gemeinsamen Lernen die stärkeren SchülerInnen nichts versäumen, die schwächeren SchülerInnen aber zu besseren Leistungen motiviert werden können. SchülerInnen lernen selbst dazu, wenn sie anderen etwas erklären. Leistungsstärkere SchülerInnen können gegenüber leistungsschwächeren die Rolle eines Tutors/einer Tutorin übernehmen. Wie man weiß, verarbeiten beide Gruppen die Lerninhalte durch Diskussion tiefer und besser.27Es erfüllt SchülerInnen mit Stolz und Selbstbewusstsein, anderen helfen zu können, wie Erfahrungen aus unseren Gemeinschaftsschulen und aus vielen anderen Ländern zeigen. Auch der von skeptischen Bildungspolitikern gern zitierte Bildungsforscher John Hatti28 betont die Tutoreneffekte auf die Leistungen. Generell habe man erkannt, dass man sich beim Verfolgen eines gemeinsamen Gruppenziels gegenseitig ermutigt und unterstützt. Darüber hinaus können besonders Begabte in einer Gemeinschaftsschule durch anspruchsvollere Aufgaben besonders gefördert werden, was in Gymnasien heute nicht der Fall ist. In allen Fächern werden den Kindern und Jugendlichen Lernangebote nach ihren Fähigkeiten und Interesse gemacht, auch den Hochbegabten, beispielsweise in Zusammenarbeit mit örtlichen Firmen, Institutionen oder Forschungseinrichtungen. 27 vgl. Johnson, David W.; Johnson, Roger T. Sharan, Shlomo (Ed), (1990). Cooperative learning: Theory and research. , (pp. 23-37). New York, NY, England: Praeger Publishers 28 Hattie, J.A.C. (2009). Visible learning: A synthesis of 800+ meta-analyses on achievement. Oxford, UK: Routledge 25 Interessant ist, was der international renommierte Bildungsforscher Professor Ludger Wößmann vom Info-Institut in München in einer Studie herausgefunden hat: Die frühe Auslese von SchülerInnen gehe nicht einher mit einem stärkeren Anstieg des durchschnittlichen Leistungsniveaus. Nur die besten fünf Prozent der Schüler schneiden besser ab, wenn die Aufteilung früh erfolgt. Die höhere Chancengleichheit für benachteiligte Kinder geht also nicht zu Lasten der guten SchülerInnen. Das haben auch Erfahrungen aus erfolgreichen PISA-Ländern ergeben. Alle bisherigen Pisa-Vergleichsstudien zeigen, dass auf den ersten fünf Plätzen immer Länder mit einem integrierten Schulsystem stehen (Trennung frühestens nach Klasse 8). Dieses System eines längeren gemeinsamen Lernens ermöglicht also ein sehr leistungsstarkes Bildungssystem. In diesen Ländern besteht außerdem ein weit geringerer Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft. Wenn also die spätere Aufteilung der SchülerInnen auf unterschiedliche Schularten so schädlich wäre, dann hätten Länder, die bei PISA besser als Deutschland abgeschnitten haben, offensichtlich den falschen Weg gewählt. Die Wirklichkeit spricht eindeutig dagegen. Positive Auswirkungen heterogener Klassen zeigen sich auch im Bereich der sozialen Kompetenz. Die Leistungsstärkeren zeigen eine größere Akzeptanz gegenüber den schwächeren und behinderten SchülerInnen. Es ist eine Stärke, wenn man früh lernt, mit Kindern und Jugendlichen anderer Sozialschichten und Lebenserfahrungen umzugehen, was in der späteren Berufswelt meist die Regel ist. Ein erster wissenschaftlicher Vergleich von SchülerInnen im gegliederten Schulsystem mit denen in einer Gemeinschaftsschule hat auch bei uns jüngst gezeigt, dass die enge Bindung von Lernerfolg und sozialer Herkunft entkoppelt werden kann. Zu diesem Ergebnis kam das Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung in einer Untersuchung, an der 14 Gemeinschaftsschulen beteiligt waren. 29 29 Siehe S. 26: , Frankfurter Rundschau 17.09.2012, „Starke und Schwache lernen zusammen“ 26 27 2. „Viele Eltern wollen keine Gemeinschaftsschule, weil sie eine Ganztagsschule ist.“ Richtig ist: Die Gemeinschaftsschule ist immer eine Ganztagsschule, allerdings nur an drei oder vier Tagen in der Woche. In ganz Europa gibt es fast nur Ganztagsschulen. Ihre Vorteile sind belegt: Höherer Wissenszuwachs, höhere Sozialkompetenz und größere Zufriedenheit in der Familie, da die Hausaufgaben entfallen. Die Rhythmisierung zeichnet die andere Aufteilung des Schulalltags in einer Gemeinschaftsschule aus: Ein sportlicher oder musischer Frühbeginn, Phasen des selbstverantwortlichen Lernens oder Rückzugs- und Erholungsphasen und eine gestaltete Freizeit begünstigen ein kindgerechtes Lernen und Arbeiten. Es entspricht hingegen nicht dem Bio-Rhythmus eines Kindes und erfordert mehr Kraft, wenn ihm sechs oder gar sieben Unterrichtsstunden am Vormittag zugemutet werden. Quelle: GMS Broschüre Alemannenschule Wutöschingen, www.alemannenschule-wutoeschingen.de Wer Ganztagsschulen ablehnt, verkennt nicht nur die zusätzlichen pädagogischen Chancen, er nimmt auch wenig Rücksicht auf berufstätige Eltern und Alleinerziehende. Letzterer Hinweis kommt von den Eltern selbst. Es gibt manchmal Einwände von Eltern, die nicht berufstätig sind und oft deshalb keine Ganztagsschule wollen. Sie könnten sich nützlich in die Gemeinschaftsschule einbringen, indem sie dort ehrenamtliche Aufgaben übernehmen und so einen engen Kontakt mit den LehrerInnen und Kindern pflegen. Dies ist in Finnland oder Schweden üblich. Diese Eltern können davon überzeugt werden, dass die Gemeinschaftsschule ein geeigneter Treffpunkt für ihre Kinder mit anderen Kindern und Jugendlichen ist 28 und dort unter Aufsicht und in einem anregenden Umfeld die Freizeit mit Freunden gestaltet wird. Heutzutage sind viele Kinder beim Mittagessen sich selbst überlassen. In der Gemeinschaftsschule ist auch das Mittagessen Teil des pädagogischen Konzepts. Die gemeinsame Mittagszeit von Lehrkräften und SchülerInnen gibt Spielraum für Zuwendung des Kindes zur Lehrkraft und umgekehrt. Das könnte im Interesse aller Eltern sein. 3. „Die Gemeinschaftsschule sollte dem Gymnasium am gleichen Ort keine Konkurrenz machen.“ Richtig ist: Pädagogische Konkurrenz ist belebend und wichtig für den schulpä- dagogischen Fortschritt. Die neuesten Erkenntnisse der Pädagogik sollen Eltern und Kindern dienen. Die unterschiedlichen Wege zum Abitur sind für sie eine begrüßenswerte Wahlmöglichkeit. Hier muss man sich allerdings fragen, ob das Gymnasium, dessen Bestand die Landesregierung ausdrücklich garantiert, die Konkurrenz fürchtet. Im übrigens kooperieren Gemeinschaftsschulen mit der Oberstufe von Gymnasien. 4. „Ohne eine frühe äußere Differenzierung im Unterricht kann man nicht auf unterschiedliche Schulabschlüsse vorbereiten.“ Grundsätzlich sollte vom Schulabschluss und nicht von der Schulart her gedacht werden: Was ist für das einzelne Kind am besten? Das wird sich meist erst schrittweise herausstellen, wenn das Kind in seinen Interessen und Stärken lange gefördert wird. Daher sollte eine frühe Trennung vermieden werden. „Die Gemeinschaftsschule gibt Kindern die Chance, sich an einem höheren Bildungsstand auszuprobieren. Es bereitet mir große Freude, die Potentiale der Kinder gemeinsam mit ihnen zu entdecken.“30 Man kann wohl erst im Alter von 14 bis 16 Jahren mit den SchülerInnen einer Gemeinschaftsschule Bilanz ziehen. Erst dann lässt sich feststellen, wo sie mit individueller Förderung und Kompetenzrastern leistungsmäßig angelangt sind. Und erst dann lässt sich auch ein bestimmter, leistungsgerechter Abschluss verabreden. Das wird in fast allen Ländern Europas so praktiziert. 30 Aussage einer Lernbegleiterin der Gemeinschaftsschule Klettgau in „Gemeinschaftsschule – Zukunft gestalten“ https://www.alemannenschulewutoeschingen.de/index.php/schule/gemeinschaftsschule/doc_download/20-gms-broschuere.html 29 5. „Die Leistungen von Schülerinnen und Schüler werden erheblich nachlassen, wenn die Lehrkraft eine stringente Klassenführung vernachlässigt und stattdessen lediglich als Lerncoach oder Lernbegleiter auftritt.“ Es ist unbestritten, dass der Einfluss der Lehrkraft auf die Leistungen von Schü- lerInnen erheblich ist. Die Gemeinschaftsschulen zeichnen sich durch ein besonders hohes und persönliches Engagement der Lehrkräfte als Lernbegleiter und durch eine äußerst positive Schüler-Lehrer-Beziehung aus. Dabei wird die Klassenführung überhaupt nicht vernachlässigt. Eine Lehrkraft sollte sich generell als Lernbegleiter verstehen, um SchülerInnen zu erfolgreichem Lernen und Leistungsbereitschaft hinzuführen. Die Lernbegleitung ist auch deshalb wichtig, weil manche Kinder beim Lernen mehr an der Hand geführt werden müssen, andere wiederum weniger Anleitung benötigen, um mit dem individuellen Lernen erfolgreich zu sein. Die SchülerInnen profitieren davon, dass sie in der Gemeinschaftsschule zu einem selbstgesteuerten Lernen angeregt werden. Das kommt ihnen später auch in einer Berufsausbildung oder im Studium zugute. Sie lernen, wie man an Themen herangeht, mit welchen Mitteln Fragen zu beantworten sind, wie man sich Lö- sungswege selbst erarbeitet. Dazu steht den SchülerInnen heutzutage eine große Fülle von digital abrufbaren Informationen zur Verfügung. In der Gemeinschaftsschule wählen die SchülerInnen selbst aus, was sie im Laufe einer Woche schwerpunktmäßig lernen möchten. Eine Lerngruppe von acht bis neun Schülern wird von einer Lehrkraft betreut, die regelmäßig auf den Lernweg der einzelnen SchülerInnen schaut (Coaching). In den Coaching-Gesprächen fragt der Lernbegleiter/die Lernbegleiterin nach: „Wie kommst du zurecht, was brauchst du, wie fühlst du dich?“ Er/sie kann damit überblicken, ob ein Fach vernachlässigt wurde und bespricht das mit dem einzelnen Schüler. 6. „Das baden-württembergische Schulsystem ist durchlässig genug. Man braucht keine Gemeinschaftsschule als Brücke zum Gymnasium.“ Es geht bei der Gemeinschaftsschule grundsätzlich um ein anderes Lernkonzept und um eine Schule, die lange offen lässt, welcher Schulabschluss erreicht wird. Damit ist kein häufiger Schulwechsel notwendig , um einen bestimmten Abschluss zu erzielen. In der Regel ist neben dem Hauptschul- und Realschulabschluss bei entsprechenden Leistungen auch der Übergang auf ein (berufliches) Gymnasium möglich. Eine Durchlässigkeit „auf Umwegen“ existiert zwar in gewissem Umfang auch im bisherigen Schulsystem, aber nicht zu gleichen Bedingungen. Der Übergang von einer Realschule zu einem beruflichen Gymnasium wird von bestimmten Notendurchschnitten in bestimmten Fächern zu einem bestimmten Zeitpunkt 30 abhängig gemacht, manchmal auch von der jeweiligen Aufnahmekapazität an der angesteuerten Schule. Ein Übergang von WerkrealschülerInnen zu (beruflichen) Gymnasien ist selten. 7. „Ein Gutachten beweist das Versagen der Gemeinschaftsschule – so stand es in der FAZ.“ Nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16.08.2015 mit dem Titel „Schwäbisches Himmelfahrtskommando“ soll im Kultusministerium ein wissenschaftliches Gutachten unter Verschluss gehalten werden, in dem ein Versagen der Gemeinschaftsschulen im Land dokumentiert sei. Das Kultusministerium hat diesem Bericht entschieden widersprochen und Anzeige gegen die FAZ gestellt. Die FAZ musste eine Gegendarstellung veröffentlichen. Die Hintergründe: In Baden-Württemberg werden die Gemeinschaftsschulen von einem Expertenteam aus HochschullehrerInnen begleitet. Diese hatten in Bezug auf die Geschwister-Scholl-Gemeinschaftsschule in Tübingen in einem internen Zwischenbericht Hinweise auf bestimmte Verbesserungsmöglichkeiten bei der Unterrichtsqualität gegeben. Die Forscher stellen ausdrücklich fest, dass diese Hinweise weder ein Gutachten noch Forschungsergebnisse darstellen. Dass dieser Bericht an die Öffentlichkeit gelangte, sehen sie als einen eklatanten Missbrauch an, weil nach ihrer Meinung damit verfälschte Informationen in die öffentliche Diskussion gebracht wurden. Ein Bericht, der den Entwicklungsstand einer einzelnen Schule darstelle, könne nicht exemplarisch für die Praxis der inzwischen 271 errichteten Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg interpretiert werden. Die Einführung einer neuen Schulart ist ein Entwicklungsprozess, bei dem man das angestrebte Optimum nur in Schritten erreicht. Verbesserungen sind also wie in allen anderen Schularten ständig notwendig.31 Ein Blick zurück: Die gelegentlich kritisierten neuen Lehr- und Lernformen, durch die sich Gemeinschaftsschulen auszeichnen, waren übrigens bereits vom früheren Kultusminister gelobt worden. Zahlreiche Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg fanden und finden inzwischen volle Unterstützung durch die Opposition. In der öffentlichen politischen Debatte geht man ganz offensichtlich nach dem Motto vor: „Was die neue Landesregierung treibt, kann nur des Teufels sein.“ Wie erläutert, werden Gemeinschaftsschulen nicht von oben verordnet, sondern allein vom Schulträger am Ort konzipiert und beantragt. „Schwäbisches Himmelfahrtskommando“: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/vernichtendes-urteil-fuer-lehrformgemeinschaftsschule-13753267.html 31 http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Schulchef-und-Forscher-widersprechen-FAZ-Bericht-234121.html 31 Presseecho zu „Schwäbisches Himmelfahrtskommando“: http://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/231/kampf-gegen-diegemeinschaftsschule-3105.html http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/tuebingen_artikel,-Schulchef-undForscher-widersprechen-FAZ-Bericht-_arid,314687.html http://www.suedkurier.de/region/bodenseekreis-oberschwaben/markdorf/Zellerspricht-von-8222-ueblem-Stil-8220;art372484,8122359 8. „Die Gemeinschaftsschule wird gegenüber anderen Schularten personell bevorzugt.“ Diese Aussage ist falsch. Wahr ist, dass der rechnerisch benötigte „Lehrerwochenstundenbedarf je Schüler“ quasi dem der Haupt/Werkrealschule entspricht und sich – wegen des Ganztagsunterrichts – nur gering von Gymnasium und Realschule unterscheidet: Im Übrigen verbessert sich der Wert bei den Realschulen ab 2015/2016 durch die Steigerung der Poolstunden. 32 9. „Der neuen Gemeinschaftsschule laufen die Schüler weg.“ Die Gesamtzahl der SchülerInnen an öffentlichen Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg stieg von rund 20.000 im Jahr 2014 auf etwa 35.000 im Jahr 2015. Dies kann man auch als Beleg für die zunehmende Attraktivität dieser Schulart werten. Es ist falsch, dass den Gemeinschaftsschulen die SchülerInnen weglaufen würden, denn es geht hier lediglich um eine Differenz zwischen Prognosen und tatsächlichen Anmeldungen. Diese Abweichungen gibt es in beide Richtungen: In manchen Fällen liegen die prognostizierten Schülerzahlen bei Gemeinschaftsschulen über den späteren tatsächlichen Anmeldungen. Es gibt aber auch viele Gemeinschaftsschulen, in denen die Anmeldezahlen die Prognosen übertreffen. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle. Zum Beispiel gehen die Schülerzahlen in Baden-Württemberg generell zurück, somit sind alle Schulformen von diesem Trend betroffen. Dies nun in bestimmten Regionen der Einrichtung von Gemeinschaftsschulen anzulasten ist eine Fehlinterpretation der Statistik. Die Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz, wirft den politischen Gegnern der Gemeinschaftsschule vor, durch die Polemik von der „Einheitsschule“ zur Verunsicherung von Eltern beizutragen. Matthias Schneider, Geschäftsführer der GEW, äußert sich folgendermaßen zu dieser Frage: „Es ist eine neue Schulart. Es wäre komisch, wenn es da nicht an der einen oder anderen Stelle ruckeln würde.“ VI. Überzeugende Aspekte der Gemeinschaftsschule aus Sicht von Eltern Wo fühlen Eltern sich am stärksten persönlich angesprochen? 1. Die Berücksichtigung des individuellen Entwicklungsstands erhöht die Chancengleichheit. Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell, sie zeigen ihre volle Leistungsfähigkeit und besonderen Neigungen oft erst spät. Wenn eine Schule wie die Gemeinschaftsschule alle Abschlüsse bis zum Ende der Schulzeit offen lässt, weshalb dann die frühe Festlegung oder ein Umweg über die berufliche Schule, um zur Hochschulreife zu gelangen? Zumal dieser Umweg nicht unbedingt gelingt, denn er kann von bestimmten Notendurchschnitten und Aufnahmekapazitäten abhängig sein. 33 2. Die Lernmotivation steigt. Kinder werden, wie die Erfahrungen zeigen, durch das Selbstlernen und kooperative Lernen ruhiger. Das wünschen sich auch Eltern und Lehrkräfte. An Gemeinschaftsschulen helfen sich die Kinder gegenseitig. Sie lernen, ihren jeweiligen Leistungsstand mittels eines Kompetenzrasters einzuschätzen, sich eigene Ziele im Unterricht zu setzen und diese ständig selbst und mit Hilfe der Lernbegleiter zu überprüfen. Das kommt ihnen später auch in Ausbildung und Beruf zugute. Es stärkt auch ihr Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, ihre Stärken und Schwächen zu erkennen. Leistungsstärkere SchülerInnen brauchen sich in der Schule nicht zu langweilen, wenn sie den Unterrichtstoff schneller als andere verstanden haben. Wenn SchülerInnen mit dem einen Kompetenzraster eher fertig sind als andere, erhalten sie das Kompetenzraster der nächsten Klasse. Das macht Lust auf mehr Erfolgserlebnisse und stärkt damit die Freude am Lernen, wie SchulleiterInnen aus der Praxis berichten. 3. Der Ganztagsunterricht macht Hausaufgaben überflüssig. Keine Hausaufgaben – das bedeutet eine enorme Entlastung von Eltern. Eltern müssen die Hausaufgaben ihrer Kinder nicht länger beaufsichtigen – was sie auch bisher oft gar nicht leisten können. Es kommt nicht mehr vor, dass SchülerInnen ohne erledigte Hausaufgaben in der Schule erscheinen. Die Lehrstoffwiederholung wird bereits in der Schule mit fachkundiger Begleitung erledigt; ohne Hauaufgaben ist die familiäre Atmosphäre entspannter. 4. Die Schulwahl wird stressfreier. Mit der Gemeinschaftsschule kann man vielen Eltern die Unsicherheit bei der Entscheidung über den endgültigen Schulweg ihrer Kinder nehmen, denn diese Entscheidung muss erst viel später getroffen werden. Heute beginnt diese Diskussion bereits in der 3.Klasse. Fehlentscheidungen bei der Schulwahl können mit dem eigenen Bildungserlebnis von Eltern zusammenhängen. Oft trauen sie sich aufgrund der eigenen Schulbiografie nicht, ihre durchaus begabten Kinder auf ein Gymnasium zu schicken, allenfalls zögerlich auf eine Realschule. Es gibt übrigens auch viele SchülerInnen, die das Gymnasium wieder verlassen müssen. Dieses Negativerlebnis und damit seelische Verletzungen werden Kindern auf der Gemeinschaftsschule erspart. 34 Vorteile der Gemeinschaftsschule für Kinder  Kinder werden in ihrer Einzigkeit wahrgenommen.  Sie können Lerninhalte und Lerntempo in angemessener Weise selbst bestimmen.  Sie werden bestmöglich in ihren Stärken gefördert.  Sie entwickeln Freude am Lernen im engen Kontakt mit dem Lehrer als Lernbegleiter und erkennen darin eine erstrebenswerte Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.  Die Schüler behalten nach der Grundschule ihr privates Umfeld indem sie mit ihren Freunden gemeinsam weiterlernen. Vorteile der Gemeinschaftsschule für Eltern  Die Eltern finden eine wohnortnahe Schule mit allen Abschlussmöglichkeiten vor.  Die Schule ist so ausgestaltet, dass sie jedem Kind gerecht wird und alle Abschlüsse offen hält.  Die Eltern erleben, dass Selbstverantwortung und Persönlichkeit ihrer Kinder gefördert werden.  Sie werden regelmäßig über den
 

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