„Zwei Drittel der Frauen und die Hälfte der Männer werden pflegebedürftig“

Veröffentlicht am 13.05.2015 in Veranstaltungen

MdB Gerster, AOK-Chefin Schwenk und Diakon Fritzenschaft diskutieren mit Pflegebeschäftigten

Die meisten Teilnehmer der Gesprächsrunde waren Pflegefachkräfte, teilweise in leitenden Positionen. Und sie fühlten dem Podium auf den Zahn: Der Biberacher SPD-Bundestagsabgeordnete Martin Gerster, die Geschäftsführerin der AOK Ulm-Biberach, Dr. Sabine Schwenk, und Diakon Roland Fritzenschaft von der Initiative „Mehr Zeit für Pflege“ – alle mit Erfahrungen pflegebedürftiger Angehöriger – wollten in wechselseitigem Dialog mit den Anwesenden Erfahrungen austauschen und Wissen weitergeben. Konfrontiert wurden sie mit deutlichen Worten, beispielsweise der Pflegedienstleiterin einer Senioreneinrichtung: „Meine Leute sind total erschöpft und haben keine Zeit und keine Kraft mehr, ihren Beruf sinnvoll auszuüben“, erklärte sie. „Wir sehen vom abgefahrenen Zug nur noch die Rücklichter.“

Zwei Drittel der Frauen und die Hälfte der Männer werden pflegebedürftig“, hatte Gerster zuvor in seiner Begrüßung aufgezeigt. „Vielleicht, weil Männer noch nicht so alt werden wie Frauen“, war eine Erklärung aus der Runde dazu, die Gerster zwar nicht bestätigen konnte. Er merkte aber an, dass die Demografie die Zahl der Pflegebedürftigen und gleichzeitig die notwendige Zahl der Betreuungsfachkräfte ständig wachsen lasse. „Wir brauchen mehr Geld im System“, so Gerster. Immerhin 2,4 Milliarden Euro mehr sehe das seit diesem Jahr geltende erste Pflegestärkungsgesetz (PSG) vor, das der SPD schon zu Oppositionszeiten ein wichtiges Anliegen gewesen sei.

Das ist zu wenig Geld und kann die viel zu schlechte Bezahlung der Beschäftigten nicht verbessern und junge Menschen motivieren den Pflegeberuf zu ergreifen“, entgegnete eine Krankenschwester, „und für Pflegekräfte aus dem Ausland haben wir nicht mehr die Personalressourcen, um sie richtig einzulernen.“ Dem pflichtete AOK-Chefin Schwenk bei, die sich eine jährliche Dynamisierung der Mittelzuwächse wünschte, denn verglichen mit 2009 werde die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 um rund die Hälfte wachsen. „Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, denn die Mehrheit von uns wird sie einmal benötigen.“

Wir sollten uns deshalb Gedanken über finanzielle Prioritäten machen“, wünschte sich Diakon Fritzenschaft. Als Pflegekraft könne man derzeit keine Familie ernähren. „Wem macht es wirklich was aus, ob ein Produkt etwas später geliefert wird?“ Pflege gebe den Menschen ihre Würde, aber sie wüssten nicht, in welche Richtung es gehe. „Die Verbesserungen müssen publiziert werden“, forderte er.

Dem kam Gerster gerne nach und nannte als seit Januar geltende Regeln die bessere Unterstützung pflegender Angehöriger durch mehr Tages- und Kurzzeitpflegeplätze, eine zehntägige bezahlte Pflegezeit bei Bedarf, die Erhöhung des Betreuungsschlüssels von 1:24 auf 1:20 oder den um 60 Prozent erhöhten Zuschuss für pflegebedingte Wohnungsumbauten. „Das ist nicht das Ende, sondern das sind erste Schritte.“ Die Diskussionen zum 2. Stärkungsgesetz drehten sich um die Förderung der physischen und psychischen Eigenständigkeit der Patienten und damit zusammenhängend eine neue Definition der Pflegebedürftigkeit. „Viele wollen vom Thema leider nichts wissen, solange nicht sie selbst oder Angehörige betroffen sind“ sagte er. Pflege sei aber eine Angelegenheit, die brenne. „Das treibt meine Partei und die SPD-Bundestagsfraktion um und es wird aus meiner Sicht als Mitglied des Haushaltsausschusses mehr Geld kosten.“

 

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